TVE Ich bin dabei

„Abstiegskampf ist eine Frage der Mentalität und der richtigen Einstellung“

10.02.2020

Diese Meldung sprach sich in Handball-Deutschland rum: Der lettische Nationalspieler Aivis Jurdžs wechselt in der Winterpause zum TV Emsdetten. Der 36-jährige, der seine Handball-Karriere in der 1. Bundesliga im Sommer 2019 für beendet erklärt hatte und sich in seinem Heimatland für die Europameisterschaft fit gehalten hat, kommt zur richtigen Zeit zum TVE. Das sieht auch Daniel Kubeš so: „Es ist fantastisch, dass wir mit Aivis einen so erfahrenen Spieler verpflichten konnten, der schon etliche Jahre in Deutschland gespielt hat, die Sprache beherrscht und sich bestens in der Bundesliga auskennt. Die EM hat gezeigt, welches Potential er mitbringt. Ich verspreche mir von ihm, dass er uns in Abwehr und Angriff enorm weiterhelfen wird.“ 

Hallo Aivis, wie kam es dazu, dass du nach der Europameisterschaft noch einmal nach Deutschland gekommen bist, um für den TVE in der 2. Bundesliga aufzulaufen?

Aivis Jurdžs: „Mein Berater hatte mich in den vergangenen Monaten immer mal wieder angerufen: Wie geht es dir? Welche Pläne hast du? Es gab verschiedene Angebote aus der 1. und 2. Bundesliga. Eigentlich wollte ich ja nicht mehr aus Lettland weggehen. Das Angebot vom TV Emsdetten kam aber zum richtigen Zeitpunkt. Meine Frau meinte: Du hast noch Bock auf Handball und vier Monate sind nicht lang. Wir haben uns als Familie hier in Riga schon gut eingelebt. Mach es!“  

Aus deiner Erfahrung: Was ist wichtig, um im Abstiegskampf erfolgreich zu sein?

Aivis Jurdžs: „Ich konnte schon in Hannover und Eisenach reichlich Erfahrung im Abstiegskampf sammeln. In erster Linie geht es natürlich um Punkte. Aber vieles spielt sich auch im Kopf ab: Abstiegskampf ist eine Frage der Mentalität und der richtigen Einstellung. In der Bundesliga schenkt dir keiner etwas. Da heißt es den Kampf anzunehmen und an jedem Spieltag voll fokussiert zu sein.“   

Du bist jetzt seit drei Wochen in Emsdetten. Welche Eindrücke hast du von deiner neuen Mannschaft?

Aivis Jurdžs: „Frank Wiesner hat mich an einem Sonntag vom Flughafen in Düsseldorf abgeholt. Als ich dann in Emsdetten mein Appartement bezogen habe, habe ich mich sehr darüber gefreut, dass der Kühlschrank schon gefüllt war. Es sind oft die kleinen Dinge, die einem Wertschätzung zeigen und den Einstieg in die neue Aufgabe erleichtern. Auch von meiner Mannschaft wurde ich gut aufgenommen. Einige Spieler wie zum Beispiel Marcel Schliedermann, mit dem ich in Eisenach zusammengespielt habe, kannte ich ja schon. Der TVE hat eine junge Mannschaft mit viel Potential.“

Du hattest im Sommer 2019 deine Handball-Karriere in Leipzig für beendet erklärt, um deine Kinder in Lettland einschulen zu können. Wie ist es für dich, jetzt ohne Familie in Deutschland zu leben?  

Aivis Jurdžs: „Schon ein wenig komisch, nicht von meinen Kindern, sondern von einem Wecker geweckt zu werden. Ich telefoniere jeden Abend mit meiner Familie, auch über WhatsApp läuft viel. „Papa, wann kommst du wieder?“, werde ich manchmal gefragt. Meine Kinder erzählen mir viel von der Schule und aus der Kita. Ich hoffe, dass mich meine Familie über Ostern in Emsdetten besuchen kann.“

Was deine Karriere wohl einzigartig macht: Du hast erst mit 19 Jahren begonnen Handball zu spielen. Wie kam dazu?

Aivis Jurdžs: „Als Kind habe ich lediglich zwei Jahre Basketball gespielt. Nach meinem Abitur habe ich mich für ein Studium der Sportwissenschaften an die Universität in Riga eingeschrieben. Da hast du viele Kurse in verschiedene Sportarten, somit auch Handball. Nach dem zweiten Semester hat mich ein Dozent gefragt: Hast du Lust, neben dem Studium im Verein Handball zu spielen? Um damals mein Studium zu finanzieren, hatte ich nebenher als Feuerwehrmann gearbeitet. Nach meinem Bachelor bekam ich das Angebot, als Halbprofi für den ASK Riga zu spielen, so dass ich nebenher nicht mehr arbeiten musste. Wir haben damals auch im Europapokal gespielt. Mit 25 Jahren hatte ich meinen Master-Abschluss in der Tasche. Ein norwegischer Spielerberater kam auf mich zu, ob ich nicht Handballprofi werden möchte. Anschließend gab es Angebote aus halb Europa, auch aus Hannover. Ein Probetraining folgte, bei dem ich überzeugen konnte. Damals stand die Frage im Raum: 1. oder 2. Bundesliga? Hannover spielte in der Relegation gegen Friesenheim. In der letzten Sekunde konnten sie das Ding für sich entscheiden. Somit war klar: Ich spiele 1. Liga. Eine unglaubliche Erfahrung, eine ganz andere Welt kam auf mich zu. Das Professionelle in jedem Bereich,  die riesigen Hallen, die vielen Zuschauer. In Lettland habe ich vor maximal 300 bis 400 Zuschauern gespielt.“   

Von John Wieden vom DHfK Leipzig, wo du vier Jahre gespielt hast, weiß ich, dass du dort den Spitznamen „Der Hammer von Riga“ hast.

Aivis Jurdžs: „Ich weiß gar nicht so genau, wo dieser Name herkommt. Ich hatte in Leipzig den Ruf, ein „harter Hund“ zu sein. Das kommt wohl daher, dass ich mir mal in einem Vorbereitungsspiel gegen Magdeburg einen Muskelfaserriss zugezogen hatte. Wenige Tage später war Saisonstart. Wir hatten damals einige verletzte Spieler in unseren Reihen. Nach dem Magdeburg-Spiel spürte ich einen Tag Schmerzen, anschließend nicht mehr. Unser Mannschaftsarzt meinte: Rein theoretisch kannst du spielen, aber ein Spieleinsatz kann deine Verletzung noch verschlimmern. Am nächsten Tag stand bei mir die Entscheidung fest: Ich spiele. Die Zeit in Leipzig war die schönste in meiner Sportler-Karriere.“  

Du hast mit Lettland erstmalig an der Handball-Europameisterschaft teilgenommen? Wie war die Zeit für dich?

Aivis Jurdžs: „Für uns als lettische Handballer ist ein Traum in Erfüllung gegangen, erstmalig an der EM teilnehmen und unser Land dort vertreten zu dürfen. Insgesamt haben wir uns gut verkauft. Man muss bedenken: 70 % unserer Spieler sind Amateure. Die Europameisterschaft ist eine großartige Veranstaltung.“

Abschließende Frage: Du trägst beim TVE die Nr. 77 – Warum?

Aivis Jurdžs: „In Leipzig hatte ich die Nr. 7. Die ist hier beim TVE von Yannick Terhaer besetzt. Also habe ich mich für zweimal die 7 entschieden.“

Aivis, vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg mit deiner neuen Mannschaft.